Das Hochstapler-Syndrom

Das Hochstapler-Syndrom

Hochstapler-Syndrom das eigentlich ein Tiefstapler-Syndrom ist ?

Habe ich das überhaupt verdient? Mit einem solchen Hinterfragen der eigenen Leistungsfähigkeit quälen sich durchaus auch erfolgreiche Menschen, was sich widersinnig anhört und es auch ist. Das aber erklärt  den Titel dieses Blogs über das Hochstapler-Syndrom nur unzureichend. Denn milde ausgedrückt könnte man es ja auch als ein individuelles Luxusproblem von Menschen bezeichnen, die doch eigentlich alles gut nach außen hin managen und vielleicht nur mit falscher Bescheidenheit kokettieren? Also existiert ein Hochstapler-Syndrom, welches eigentlich ein Tiefstapler-Syndrom ist?

 

Die äussere Fassade aufrecht zu erhalten als neurotischer Nutzen des Hochstapler-Syndroms ?

Es verbraucht viel seelische Kraft um gegen alle jene Anderen anzutreten, die vermeintlich immer schlauer oder cleverer oder attraktiver sind als man selbst. Die äussere Fassade aufrecht zu erhalten erklärt ziemlich gut den neurotischen Nutzen des Hochstapler-Syndrom, denn es motiviert zum Perfektionismus, zur Selbstverleugnung, Selbstausbeutung, was nur einem falschen und anstrengenden Selbstbild nutzt und macht vor allem sehr anfällig für Arbeitswahn bis hin zum Burnout.

 

Zu Unrecht den Applaus, den Erfolg, das Lob oder die Gehaltserhöhung erhalten?

Ein Mensch der unter einem Hochstapler- Syndrom oder im Fachdeutsch: Impostorsyndrom leidet,  glaubt häufig ganz insgeheim zu Unrecht den Applaus, den Erfolg, das Lob oder die Gehaltserhöhung bekommen zu haben, auch wenn ihm die Mitwelt ganz etwas anderes spiegelt und versichert. Dabei kann der/die Betroffene den eigenen Erfolg nach außen hin durchaus genießen, andererseits tauchen zeitgleich innere, geheime Selbstzweifel auf, die er oder sie jedoch für sich behalten muss, um die positive Aussenwirkung möglichst zu behalten.

Das geringe Selbstwertgefühl kann allerdings sehr schnell in die eigene Abwertung führen oder aber übernimmt diese unbewusst, wenn sie von wichtigen Menschen zugeschrieben und vermittelt wurde. Dies passiert meist in der Kernfamilie. Gleichzeitig wehrt sich der Betroffene unbewusst gegen diese Zuschreibungen und leistet besonders viel dagegen an, macht alles besonders gut. Daneben existiert ein Mechanismus der zeitweiligen, überproportionalen Aufwertung und damit auch Idealisierung anderer Menschen, was im Prinzip aber auch nur der Eigenaufwertung dient. Die entsprechende Enttäuschung gesellt sich dann zwangsläufig schnell hinzu. Denn das alles gleicht Schattenboxen !

 

Narzisstische Aspekte der ständigen unbewussten inneren Auf- und Abwertung.

Bei extrovertiert agierenden Menschen mit einem eigentlich introvertieren inneren Persönlichkeits -Kern, löst diese innere Ambivalenz oft Getriebenheit bis hin zur Erschöpfung aus. Zumal wenn narzisstische Aspekte in die Persönlichkeitsstruktur eingebettet sind, schwankt der Mensch oft zwischen eigener Auf – und Abwertung hin und her und entscheidet sich schliesslich meist dafür, lieber das Gegenüber abzuwerten als sich selbst, weil das zu kränkend wäre. Dieser Vorgang wird vom Unterbewusstsein gesteuert. Betroffene Menschen erkennen daher oft erst in der Therapie wie abwertend und beziehungsfeindlich ihr narzistisches Verhalten gegenüber Partnern, Verwandten oder auch Kollegen real sein kann oder ist.

Häufig betrifft das Hochstapler-Syndrom emotional labile, aber nicht nur hoch introvertierte Menschen, sondern vor allem solche, die unfähig sind Nein zu sagen und es eigentlich allen recht machen wollen und darunter insgeheim leiden, wenn sie dann doch Nein sagen müssen, was dann überproportional heftig und dominant ausfallen kann, und zwar bis hin zur Verweigerung und abrupten Trennungen. Depressive Aspekte dieser ständigen Anspannung und emotionalen Überforderung sind daher ständige Begleiter des Hochstapler-Syndroms.

 

Unsicherheit wird durch Perfektionismus überdeckt: das Beste muss fehlerlos abgeliefert werden.

Keiner sollte merken, wie schwer das Ganze manchmal fällt.  Und so lebt dieser Mensch zwanghaft in seinem tüchtigem Pseudoselbst mit seinem seelischen bzw.emotionalen Hochstapler-Syndrom, täuscht sich dabei ständig selbst, und die anderen, fühlt sich insgeheim daher selten mit sich im Reinen und meidet Selbtstreflexion, um den Betrug an sich selbst aufrecht zu erhalten. Ein echter Hochstapler fühlt sich dagegen selten unwahrhaftig. Das würde ihm beim Betrügen behindern.

 

Irreführender Fachbegriff : Hochstapler- Syndrom.

Tatsächlich führt bereits der Fachbegriff des sogenannten Hochstapler-Syndroms in die Irre, denn es gibt gar kein Syndrom:  „Es handelt sich nicht um eine Störung oder Krankheit, sondern um ein Persönlichkeitsmerkmal“. (Psychologieprofessorin Sonja Rohrmann, Uni Frankfurt )

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Persönlichkeitsmerkmale basieren oft auch auf Rollenzuschreibungen.

Die Rollenzuschreibungen unserer Kindheit sind mächtige, unterschwellige, häufig nicht bewusste Mottos und Antreiber. Sie begleiten meist bestimmte Persönlichkeitsmerkmale und damit Verhaltensweisen : Oft galt er oder sie schon in der Kindheit als der oder die Intelligenteste. Immer galt man schon als der Sympatischste oder der Charmanteste, oder auch Sportlichste oder gar Hübscheste, der Stillste oder Bescheidenste in der Familie. Manche bekamen die Rollen- Zuschreibung der oder auch die Sozialste in der Familie zu sein und galten  immer als besonders lieb und verträglich, was natürlich immer lebenslang bestätigt werden musste. In der Therapie begegnet schliesslich mancher Klient dann diesen alten Rollen und kann erkennen, dass einige dieser Muster und „Masken“ überholt sind und nicht mehr in das reife  Erwachsenen-Dasein passen.

Aber auch negative Zuschreibungen und das Label als schwarzes Schaf überlebt oft Jahrzehnte bis zum Lebensende. Solche Rollenzuschreibungen verstärken ein Hochstapler-Syndrom und tragen dazu bei, dass Innen und Aussen beim betroffenen Menschen oft völlig auseinander driften können. Kaum einer kommt von außen auf die Idee, wie unsicher der oder die Kollegin oder das Familienmitglied in Wirklichkeit ist. Der betroffene Mensch weiß es oftmals selbst nicht mehr, spürt aber unterschwellig, dass es Kraft kostet, gegen die alten Schatten und Rollenzuschreibungen anzukämpfen und die negativen Muster nicht immer aufs Neue zu bedienen. Therapie kratzt somit auch etwas an der äusseren Fassade mit allen ihren Masken und macht manche überflüssig

Maske

Therapie kann richtig harte Seelen-Arbeit sein. Wesentlich dabei ist das Ziel, dass sich Menschen nicht ständig emotional überfordern indem sie in einem falschen und anstrengenden Selbstbild leben, weil hier die große Gefahr besteht in eine Depression abzugleiten.

 

 

 

Die soziale Rolle und Position der Kindheit klebt oftmals sehr intensiv am Menschen fest.

Der Tiefenpsychologe und Psychoanalytiker  Alfred Adler betonte die Wichtigkeit der Familienatmosphäre in der Menschen aufwachsen. Auch die Geschwisterkonstellation mit bestimmten Rangordnungen werden erwähnt, die vielfach unreflektiert und unbeweglich, wie erstarrt, weiter gelebt werden. In diesem Zusammenhang wird in der Therapie auch häufig das Gefühl geschildert nicht oder nie zu genügen. Die soziale Rolle der Kindheit klebt eben oftmals sehr intensiv am Menschen fest. Andererseits kann der Mensch – so Alfred Adler- lebenslang Lernen, Entscheidungen treffen und sein Verhalten anpassen, was bei neurotischen Verhaltensmustern aber  sehr schwierig ist und immer eine Therapie auf den Plan ruft.

 

Prägend für die Persönlichkeit sind familiäre Leistungsansprüche

Vielfach herrschen in Familien hohe Leistungsansprüche. Der eigene Wert wird dann eben nur über die Leistung definiert. Das ist prägend für die Persönlichkeit. In der Tiefenpsychologie nach Alfred Adler wird u.a. die menschliche Kompensationsfähigkeit angeblicher oder tatsächlicher Unzulänglichkeiten und entsprechender Minderwertigkeitsgefühle thematisiert. Wir sind in der Lage reflektierende Selbst-und Fremdwahrnehmung zu fühlen und zu managen, immer gesteuert durch unser Unterbewusstsein, und vor allem durch unser ständiges lebenslanges Lernen. Wir müssen uns schliesslich ständig entscheiden : Ja oder Nein und machen unsere Erfahrungen damit.

Traumatherapie

 

Das Umfeld nimmt alles sowieso ganz anders wahr als der Betroffene.

Sich unterschwellig wie ein Betrüger oder Hochstapler fühlen, kann bedeuten in der Therapie oder im Coaching zu lernen, dass letzlich alles berechtigt verdient ist. Gut zu wissen, dass das Umfeld alles immer sowieso ganz anders wahr nimmt als der Betroffene selbst.

Daher ist es ist sehr wichtig sich ein ehrliches und offenes Feedback vom Gegenüber zu holen, statt aus Angst vor Gesichtsverlust in meist neurotischen Vermutungen zu verharren. Klärendes Nachfragen kann belastende Gefühle und Situationen relativieren. Dies gilt als Lerneffekt in der Einzeltherapie ebenso wie in der Paartherapie.

Fazit : Überforderung oder Unterforderung erzeugt Entmutigung und depressive Verstimmungen, lähmt die Kreativität und Leistungsfähigkeit und kann damit auch ein Hochstapler-Syndrom verstärken. Nun hilft weder Perfektionimus, Überanpassung oder stetige Eigenkontrolle um gegen die Erschöpfung durch das falsche Selbst anzugehen. Dessen  anstrengende „gespielte“ Aussenwirkung kostet einfach auf Dauer zuviel Energie. Gar nicht selten werden daher  Medikamente, Alkohol o.a. Drogen als falsche Hilfsmittel genutzt und missbraucht.

 

an Flasche gekettet

 

Medikamentensucht

 

In der Therapie

In der Therapie kann es hilfreich sein, dass man lernt den eigenen Selbstzweifel anzunehmen, weil er total gesund und normal ist, und  eben nicht zur Qual werden darf. Zudem ist therapeutisch zu klären, welche Position der betroffene Mensch im Leben gerne hat erreichen wollen und was seine/ihre Realität überhaupt ist. Nicht selten wird hier das Gefühl geschildert, immer vergebens hinterher gerannt und überholt worden zu sein, nicht gesehen zu werden und eigene Bedürfnisse im Rahmen der eigenen Getriebenheit immer oder oft unterdrückt zu haben. Entspricht es beispielsweise dem individuellen Kindheitsmotto unbedingt der oder die Beste sein zu müssen und alles möglichst leichtfüßig zu bewältigen, nur um geliebt zu werden, bringt das als Erwachsener einfach nur neurotischen Streß und macht krank.

 

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